„Mit dem Seepferdchen ist es nicht getan“

Gesellschaft Immer weniger Kinder können schwimmen. Was Schwimmausbilder in der Region dazu sagen

Krumbach Jeden Sommer gibt es die gleichen schrecklichen Nachrichten. Es sind Nachrichten über Kinder, die im Schwimmbad, am Baggersee oder im Urlaub beim Baden im Meer ertrinken. In Krumbach fließt die Kammel nur knapp 100 Meter an der Grundschule vorbei. Eine Strecke, die für die Schüler tödlich enden könnte. „Vor vier Jahren ist mein Sohn auf die Grundschule in Krumbach gegangen“, erzählt der Krumbacher Schwimmausbilder Hagen Rittirsch im Gespräch mit unserer Zeitung. „Nicht ein einziges Mal hatten die Kinder Schwimmunterricht.“

Warum immer weniger Kinder das Schwimmen lernen, erklären die Vorstände der Wasserwacht in Krumbach und Thannhausen, Stefan Gut und Jürgen Feistle, sowie der Krumbacher Schwimmausbilder Hagen Rittirsch.

„Knapp 500 Menschen jährlich“, Jürgen Fischer, Vorstand der Wasserwacht in Thannhausen, stockt, als er diese Zahl ausspricht. „Die Kinder ertrinken, weil sie nicht richtig schwimmen können.“ Und das hätte, so Jürgen Fischer, mehrere Gründe. „Zum einen liegt es bei den Kommunen.“ Immer mehr Gemeinden investieren in Spaßbäder.

„Richtige Schwimmbäder wollen sich die Kommunen nicht mehr leisten.“ Und auch für die Kinder sei ein Besuch im Spaßbad mit den vie- len Rutschen natürlich deutlich interessanter als ein Besuch im Hallenbad.

„Denn im Hallenbad heißt es schwimmen statt rutschen“, erklärt Jürgen Fischer.

„Ein    Teufelskreis“,    sagt   er.

„Weil die Kommunen die Hallenbäder nicht mehr wollen, werden sie nicht saniert. Und ohne Schwimm- bäder wird es sowohl für die Was- serwacht als auch für die Schulen schwer, überhaupt einen Schwimmunterricht anzubieten.“

Regelmäßig wird das „Seepferdchen“, das den ersten Schwimmer- folg besiegelt, von der Wasserwacht abgenommen – aber: „Um sicher schwimmen zu können, bedarf es mehr.“ Denn das Abzeichen bescheinigt lediglich, dass derjenige 25

Meter schwimmen kann. Das reicht für den Besuch im Freibad, denn das Wasser im Nichtschwimmerbecken ist nur knapp einen Meter tief.

„Hält man sich hier auf, muss man nicht sicher schwimmen können.“

Später gehen die Kinder mit Freunden an den Baggersee. Sie denken ja, schwimmen zu können, weil sie einmal einen Schwimmkurs besucht haben. Doch nach kurzer Zeit im Wasser geht ihnen plötzlich die Kraft aus. Sie möchten hin stehen, brauchen eine Pause. „Und dann ist es schon passiert“, sagt Fischer. „Nach dem Seepferdchen müssen weitere Aktionen folgen.“ Und wenn Jürgen Fischer von Aktionen spricht, denkt er an die Projektwoche der Christoph-von- Schmid-Realschule in Thannhausen. „Aktionswoche Schwimmen“, sagt er. „Eine Woche lang hatten die Kinder der fünften Klasse jeden Tag Schwimmunterricht.“ Vom Seepferdchen bis zu Bronze und Silber: „Am Ende der Woche konnten wir 98 Schwimmabzeichen abnehmen. Da ziehe ich wirklich meinen Hut vor den Lehrern.“

Auch ist Jürgen Fischer zuversichtlich, dass solche Aktionen bald öfter an Schulen angeboten werden.

Alle Schulen, die Interesse an einer Projektwoche hätten, sollten sich bei der Wasserwacht in Thannhausen melden. Denn „wir wissen jetzt, wie es läuft und es kann nur ein Erfolg werden.“ Jürgen Fischer

weiter: „Allen Sportlehrern, Eltern und Interessierten nehmen wir auch den Rettungsschwimmerschein ab.“ Denn wenn Lehrer und viele Leute erkennen würden, wie unnötig das Ertrinken in einem Land wie Deutschland sei, dann würde etwas vorangehen.

Die Hauptursache, warum immer weniger Kinder schwimmen können, liege allerdings bei den Eltern, erklärt Fischer. „Wasser ist eklig, Wasser ist kalt. Wasser ist einfach unangenehm, wenn man es zum ersten Mal in die Augen bekommt – oder gar in die Nase.“ Die Kinder hätten, so Fischer, Angst vor dem Wasser. Und diese Angst würden die Eltern den Kindern nicht nehmen. „Die Kinder kommen mit Wasser nicht mehr in Berührung.“ Die Eltern müssten sich mehr engagieren. „Und engagieren geht einfach weiter, als einmal zum Schwimmkurs anzumelden“, betont Fischer.

Und auch Stefan Gut, Vorstand der Krumbacher Wasserwacht, berichtet: „Die Eltern legen immer weniger Wert darauf, ob ihr Kind schwimmen kann oder nicht.“ Vor 15 Jahren wären die Anmeldungen zum Schwimmkurs noch doppelt so hoch gewesen.

Und den Schulen würde die Zeit fehlen, den Kindern das Schwim- men beizubringen. „Schon zu mei- ner Schulzeit wurde der Schwim- munterricht als nicht mehr als ein bisschen Baden gehen verstanden. Die Schulstunden sind einfach zu kurz“, berichtet Gut.

Zudem fehlt vielen Lehrern das Rettungsschwimmerabzeichen und damit die Qualifikation zum Schwimmunterricht. Die Folge: Der Schwimmunterricht fällt ins Wasser.

Auch Schwimmausbilder Hagen Rittirsch sorgt sich: „Selbst im Schwimmkurs dauert es immer län- ger, bis die Kinder überhaupt das Seepferdchen schaffen.“ Denn ein Großteil der Kinder hätte ein Pro- blem mit dem Wasser. In der Grundschule in Krumbach würden die Kinder,   so   Rittirsch,   das Schwimmen nicht lernen. Doch „spätestens mit dem Übertritt auf das Gymnasium, die Real- oder Mittelschule, müssen sie schwim- men können. Das löst einen enor- men Druck auf die Kinder aus“.

Doch in Krumbach würde das Problem, so Rittirsch, nicht an er Stadtverwaltung liegen. „In Sachen Schwimmen ist Krumbach wirklich top aufgestellt.“

Das Gymnasium, die Real- und die Mittelschule hätten ein eigenes Hallenbad. Regelmäßig würden die Schwimmbäder renoviert. Und selbst das Freibad wurde vor ein paar Jahren saniert. „Bürgermeister Fischer geht selbst schwimmen und legt einen hohen Wert auf die Instandhaltung der Schwimmhallen.“

Auch berichtet Rittirsch über die Niederraunauer Grundschüler, die regelmäßig mit Lehrern ins Hallenbad Krumbach gehen würden.

„Denn mit dem Seepferdchen allein ist es nicht getan“, mahnt der Schwimmausbilder.

Artikel aus den Mittelschwäbischen Nachrichten im Mai 2018